Martinszentrum Bernburg

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Zentrum

Idee

Erste konzeptionelle Überlegungen

Manfred Seifert, Oberkirchenrat

Zukunftsweisende Beschlüsse des Gemeindekirchenrates der Martinsgemeinde Bernburg haben die Idee ermöglicht, evangelische Grundschule, Hort und Kindergarten auf dem Wege der Umnutzung in die Martinskirche Bernburg einzubauen. Dabei ist jederzeit davon auszugehen, dass der Martinsgemeinde die Martinskirche lieb und wert ist und sie keinesfalls die Kirche aufgeben will, weil sie diese etwa nicht mehr benötigt hätte, nein – sie sieht den hohen Sanierungsaufwand im Dachbereich und meint, dieses Geld mittel- und langfristig nicht allein dafür ausgeben zu sollen und zu können. Die neue Mischnutzung wird vielmehr von der Gemeinde auch als Chance begriffen, ihr Gebäude weiter zu erhalten und vor allem weiter als Raum zu nutzen, der uns Gottes Nähe spüren lässt.

Erste konzeptionelle Überlegungen

Manfred Seifert, Oberkirchenrat

Zukunftsweisende Beschlüsse des Gemeindekirchenrates der Martinsgemeinde Bernburg haben die Idee ermöglicht, evangelische Grundschule, Hort und Kindergarten auf dem Wege der Umnutzung in die Martinskirche Bernburg einzubauen. Dabei ist jederzeit davon auszugehen, dass der Martinsgemeinde die Martinskirche lieb und wert ist und sie keinesfalls die Kirche aufgeben will, weil sie diese etwa nicht mehr benötigt hätte, nein – sie sieht den hohen Sanierungsaufwand im Dachbereich und meint, dieses Geld mittel- und langfristig nicht allein dafür ausgeben zu sollen und zu können. Die neue Mischnutzung wird vielmehr von der Gemeinde auch als Chance begriffen, ihr Gebäude weiter zu erhalten und vor allem weiter als Raum zu nutzen, der uns Gottes Nähe spüren lässt.

Bei der Umnutzung und Umgestaltung der Martinskirche sind also Wünsche und Bedürfnisse der Gemeinde nach Möglichkeit zu berücksichtigen. Auf jeden Fall sollte auch eine gottesdienstliche Nutzung – etwa des Altarraums, des Andachts- und Meditationsraumes, der Kinderkirche, Gymnastikhalle oder der Aula – an Sonntagen durch die Gemeinde möglich sein.

Die Kirche selbst ist ein wehrhaftes, fast trutziges Gebäude, das in der ganzen Breite aus der Erde wächst und spitz gen Himmel strebt. „Ein feste Burg ist unser Gott€ in Stein gemeißelt. Sie verspricht Geborgenheit, Schutz und den starken, bewährten Raum des Vertrauens, den die dicken Mauern umschließen. Hier wird das Geheimnis Gottes bewahrt und nicht verraten oder ausgeplaudert. Die Schule dagegen sollte ein anderes Bild bieten, auch der Kindergarten und der Hort. Hier müsste ein anderes Bild von Kirche ergänzend, nicht widersprechend zum Zuge kommen: „Das Zelt€, die mobile Behausung, die transparente Hülle des wandernden Gottesvolkes. Wie einstmals die Israeliten 40 Jahre durch die Wüste wanderten, so war auch ihr Heiligtum – ein Zelt. Ein Raum, scheinbar ohne Traditionen, immer wieder im Augenblick neu konstituiert. Aufgabe müsste es sein, beide Bilder von Kirche in ihrer ganzen Spannung nebeneinander und ineinander verschränkt darzustellen.

Der besondere pädagogische Charme an dieser „Konzeption Schule, Hort, Kindergarten€ besteht nun darin, dass gerade jetzt der Bildungsauftrag in der Elementarstufe, also im Kindergartenbereich, sehr viel deutlicher gesehen und herausgearbeitet wird, als zuvor. Besonders notwendig ist die Beziehung von Kindergarten zur Schule und umgekehrt mit Blick auf den gestalteten Übergang für die Kinder vom Kindergarten zur Schule. Dazu ist es gut, wenn Schule in den Kindergarten hineinreicht und den Kindergarten zur Kenntnis nimmt und erlebt und umgekehrt, wenn die Kinder des Kindergartens immer auch schon Schule ein Stück miterleben durch gemeinsame Aktionen, gemeinsame Räume und durch Unterrichtsbesuche. Der Hort wiederum kann gut von den Angeboten der Kirchengemeinde, der Gemeindepädagogik, den Freizeitangeboten im Rahmen offener Kinder- und Jugendarbeit, auch der Seniorenarbeit durch das Kanzler von Pfau’sche Stift (viele betagte Mitglieder der Martinsgemeinde wohnen dort) bereichert werden. Der Hort und die Schule zusammen sind ein offenes Ganztagsschulangebot. So wird diese Schule mit Hort und Kindergarten in ihrem ganz normalen Lebens- und Unterstützungsumfeld der Kirchengemeinde und der Öffentlichkeit fast im Zentrum der Stadt nicht nur ein Haus des Lernens und des Lebens, sondern – wie es die Kirche von je her war – ein offenes Haus für alle.

Schule und Hort und Kindergarten – und damit Kirche – öffnen sich nach außen, und sie werden auch für Gemeinde und Öffentlichkeit erlebbar. Die Martinskirche wird zu einem Haus für Kinder, zu einem Haus des Lehrens, des Lernens und des Lebens. Sie bietet den Heranwachsenden festen Wurzelgrund in der Tradition, in der Kultur unseres Volkes und unserer Kirche an. Damit kann sie einen überaus wichtigen, von vielen geforderten und nachhaltigen Beitrag leisten zu einer wertorientierten Bildung. Für diese Wertorientierung soll dieses „Gotteshaus für Kinder€ stehen. Da die Kirche, wie Religion immer auch Wurzel und Ursprung aller Kultur ist, Kultur also vom Kult her lebt, sollte auch das kirchenmusikalische, also das musisch-kulturelle Leben in dieser Kirche weiterhin beheimatet bleiben. Es wäre darum sehr wünschenswert, wenn die Orgel oder Teile (einzelne Register), beispielsweise im Musikraum und damit dem Gesamtkirchenraum erhalten bliebe, damit der Klang dieses herrlichen Instruments möglicherweise in fast jeden Raum dringen kann, wenn es denn gewünscht wird. Wie viele Lieder und Akkorde sind schon tief im Sandstein eingesickert? In der Stille meint man sie noch hören zu können.

Erdenschwere und Leichtigkeit, Wurzeln und Flügel, Mauern und Glas, Transparenz – Öffnung nach außen und Klausur – Schutz nach innen, Öffentlichkeit des Lebens und Bewahrung des Geheimnisses – vielfältige Spannungsbögen sind aufzunehmen, fruchtbar zu machen und in der Bausubstanz darzustellen. Neue Wege und Verbindungen zur Tradition kommen hier zusammen und machen dieses Projekt zu einem Modellprojekt im Bereich Kindergarten, Hort und Schule und darüber hinaus zu etwas Besonderem, weil diese drei Einrichtungen unter einem Kirchendach, um eine Kirche herum versammelt sind. Von daher wird dieses Projekt große Aufmerksamkeit auf sich ziehen und über Bernburg und Sachsen-Anhalt hinaus Bedeutung erlangen.

Dessau, den 21.7.2004

Die Weiterführung

Pfarrer Dr. Lambrecht Kuhn

Wegen des tiefgreifenden Wandels der Gesellschaft und der Einstellungen und Werte, an denen sich unser Leben orientiert, müssen wir unseren Kindern Lebensräume einrichten, in denen sie sich wohl fühlen und individuell entfalten können. Mit den drei Bereichen Kindertagesstätte, Grundschule und Hort unter einem (Kirch-)Dach wird ein ganzheitlicher Lern- und Lebensraum entstehen, der integraler Bestandteil einer christlich geprägten Gemeinschaft ist. Indem die drei Bereiche an bzw. in einer Kirche angesiedelt werden, besteht die Möglichkeit, einen altehrwürdigen Sakralraum mit kindgerecht konzipierten Aufenthalts-, Funktions- und Lernräumen zu kombinieren. Es wird sich dadurch eine permanente Durchdringung ergeben, die die Kinder als Normalität im alltäglichen Miteinander erfahren werden. Darüber hinaus ist die Kirche weiterhin ein Ort des Gemeindelebens, an welchem die Kinder Anteil nehmen. Der spirituelle Aspekt wird von den Kindern bei Kindergarten-, Schul- oder gemeinsamen Andachten und Gottesdiensten, bei Morgen- oder Wochenabschlußkreisen in „ihrer“ Kirche erlebt werden. Doch auch im gegenseitigen Umgang während der Unterrichtszeit (Schule), während der voraufgehenden oder anschließenden Beschäftigungszeit (Hort) bzw. während des ganzen Tages (Kindergarten) haben die Kinder vielfältige Gelegenheiten, das Miteinander auf Grundlage eines christlichen, den Nächsten achtenden Menschenbildes wahrzunehmen. Im Schulbereich wird bei der Unterrichtsgestaltung auf einen stetigen Wechsel der Lernformen sowie unterschiedlichen Sozialformen Wert gelegt. Im Sinne einer ganzheitlichen Erziehung werden soziale und physisch-sinnliche Lernprozesse den kognitiven Lernprozessen gleichgestellt. Dabei orientiert sich das pädagogische Handeln an den reformpädagogischen Ansätzen der Jenaplan- Pädagogik und des Praktischen Lernens. Ein wichtiges Ziel ist die Verbesserung des sozialen Miteinanders sowie die Befähigung zum Umgang mit Krisen und Konflikten.

Gerade hierbei scheint es vorteilhaft zu sein, wenn die Vorschul- und Schulkinder durch ständigen Kontakt miteinander umgehen müssen und dabei im alltäglichen Vollzug Gemeinschaft praktizieren – bis hin zu den Mahlzeiten. Im Schulbetrieb gibt es unter den Kindern Lernpatenschaften, folglich altersübergreifendes Lernen. Wie dies zwischen vierter und erster Klasse geschieht, so wird es im manchen Bereichen auch zwischen Hort- und Kindergartenkindern möglich sein. Gemeinsame Projekte sind ebenso möglich (z.B. unter Nutzung der Aula), wie einzelne gemeinsame Vorhaben, z.B. musischer Art (im Musikraum), oder andere kleine Unterrichtssequenzen gemeinsamen Lernens. Wir denken, auf diese Weise unserem bildungspolitischen Auftrag gerade auch für den Elementarbereich besser gerecht werden zu können. Der Evangelische Kinderhort als permanentes zusätzliches Betreuungsangebot lässt Raum für individuelle Zeiteinteilung, freies Spielen und die Pflege von Freundschaften, schafft Entspannungszonen und gibt Unterstützung bei der Anfertigung von Hausaufgaben. Ergänzend zum vormittäglichen Unterricht ermöglicht er Aktivitäten im kreativen, musischen, sportlichen und sozialen Bereich. Entsprechend gibt es für die Kinder sowohl kurz-, als auch langfristige Gestaltungsaufgaben, mit denen sie kontinuierlich Ziele erreichen können (z.B. ökologische Vorhaben in Kooperation mit einem nahegelegenen Naturhof). Da viele Hortkinder zugleich die gemeindeeigene Kinderstunde („Christenlehre“) besuchen, ergibt sich ein weiterer Schnittpunkt in ihrem Gemeindeleben. Das Projekt eines Kinderzentrums an der Martinskirche unterstützt die pädagogischen Ziele, indem es einerseits kleinteilige Variabilität, andererseits Transparenz der Räume sowie einen Wegecharakter bietet. Es gibt niedrige Schwellen von einem Bereich zum andern; obwohl die Bereiche ihren je eigenen Ort haben, gehören sie doch zu einem Ganzen.

Schule – Hort – Kindergarten – Gemeinde – eine gute Mischung

Vortrag von Prof. Dr. Frieder Harz, Ev. Fachhochschule Nürnberg, gehalten am 4. September 2007 in Bernburg im Rahmen der Festwoche anlässlich der Eröffnung des Martinszentrums.

Was Bildung aus der Perspektive des biblisch-christlichen Menschenbilds bedeutet, zeigt sich in Jesu Umgang mit Kindern: Sowohl das bekannte „Kinderevangelium€ (Mk 10, 13-16) als auch die kleine Szene (Mk 9,36f), in der Jesus ein Kind in die Mitte ruft, rücken dabei die grundlegende Bedeutung der persönlichen Beziehungen zu den Kindern in den Vordergrund. Entgegen der auch damals weit verbreiteten Vorstellung von Kindern als unfertigen Erwachsenen begegnet Jesus den Kindern mit hoher Wertschätzung. Er macht so auch deutlich, wie sehr Kinder solche Wertschätzung brauchen. Alle sollen sehen, wie viel Energie, Neugierde, Tatendrang, Fähigkeiten, Phantasie in Kindern stecken, die es durch die Anerkennung seitens der Erwachsenen zu bekräftigen gilt. Solche Bestätigung können die Kinder sich nicht selbst geben, sie brauchen sie von anderen, von ihren Bezugspersonen. Kinder brauchen zugleich einen Rahmen der Geborgenheit und des Vertrauens, in dem sie ihre Gaben und Fähigkeiten zur Entfaltung bringen können.

Solche Erfahrungen sind auch wichtig für Begegnungen mit christlichem Glauben. Auch Glaube ist ein Beziehungsgeschehen. Gott soll für Kinder nicht als Gefüge von Lehrsätzen begegnen, sondern als ermutigende Beziehung, als anerkennender Zuspruch, als Wegbegleitung und Segen.

Von besonderer Bedeutung für Kinder sind die Übergänge von einer Lebenssituation und –phase in die andere: Werden auch in der neuen Situation mit ihren spezifischen und neuen Herausforderungen Vertrauensbeziehungen wachsen können, die doch für die Kinder die Voraussetzung ihres eigenständigen Lernens sind? Wie gut ist es für sie, wenn sie sich der positiven Antwort sicher sein können. Dazu werden überall im Land Begegnungen zwischen Kindertagesstätten und Grundschulen initiiert, aber noch viel besser und wirksamer ist es, wenn Kinder so wie hier in Bernburg frühzeitig in ihrem Kindergarten auch die Grundschule kennenlernen können, die Menschen, die dort arbeiten und mit denen sie es später zu tun haben werden.

Schlüsselsituationen in der Kindertagesstätte und später

Wie wichtig Beziehungserfahrungen für Bildungsprozesse sind, das zeigt sich auch, wenn in Kindergärten an sog. Schlüsselsituationen gearbeitet wird. Gemeint sind Abläufe und Ereignisse, die für das pädagogische Selbstverständnis der Einrichtung große Bedeutung haben. Das kann die Eingewöhnungsphase sein, das Feiern der Geburtstage, die tägliche Essenssituation, der regelmäßige Waldtag usw. In all diesen Ereignissen spielen Beziehungen und die in ihnen erfolgende Bestätigung der Kinder, Erfahrungen von Geborgenheit und Anerkennung eine große Rolle. Scheinbar Nebensächliches wird hier auf einmal sehr wichtig. Wie die Kinder in der Einrichtung ankommen und wie sie verabschiedet werden, das ist genauso wichtig wie das gemeinsame Arbeiten an Projekten. Elementarpädagogik zeichnet sich dadurch aus, dass sie solchen Facetten im Bildungsgeschehen besondere Aufmerksamkeit schenkt.

Wie geht es nach der Zeit in der Kindertagesstätte weiter? Werden solche Erfahrungen auch in der Schule aufgenommen und weitergeführt? Ist die besondere Bedeutung der Beziehungen auch in der Schule angemessen im Blick? Zwar wird die Gestaltung des Übergangs von der Kindertagesstätte zur Grundschule mehr als früher bedacht, Begegnungen zwischen den pädagogischen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen in beiden Institutionen sind vorgesehen, aber ob sie auch wirklich mit Leben erfüllt werden? Immer wieder zeigt sich, dass Kindertagesstätte und Schule doch verschiedene pädagogische Welten sind und die Kooperation zwischen beiden oft genug sehr mühsam ist. Mit Pflichtterminen und –besuchen von Lehrerinnen in der Kindertagesstätte und umgekehrt ist es da nicht getan.

Da zeigt sich die besondere Chance dieses Bernburger Projekts, wenn Kindertagesstätte mit Kinderkrippe, Kindergarten und Hort gewissermaßen unter einem Dach mit der Grundschule sind. Die Kleinen lernen frühzeitig alle pädagogischen Bereiche kennen, in der gemeinsamen Nutzung von Räumen, in den Personen, denen sie ständig begegnen, in den Kindern, mit denen sie immer wieder zusammenkommen.

Die Fortführung des Bildungsgeschehens von der Kindertagesstätte zur Grundschule muss dann auch nicht länger eine Einbahnstraße sein, in der hauptsächlich darauf geachtet wird, dass die Kinder „schulfähig€ werden, auf die besonderen Anforderungen der Schule vorbereitet werden. Auch umgekehrt kann nun gefragt werden: Inwiefern führt die Schule konsequent die frühen Bildungserfahrungen der Kinder in der Kindertagesstätte weiter? Haben die benannten Schlüsselsituationen auch hier noch Beachtung und Bedeutung? Wird auch hier den Beziehungen genügend Aufmerksamkeit geschenkt? In einer Veröffentlichung der Evangelischen Schulstiftung zu Qualitätsmerkmalen Evangelischer Schulen finden sich folgende Prüffragen: „Welche Rhythmen bestimmen den Tag, die Woche, den Monat, das Jahr? Wie werden die Schüler/innen empfangen und verabschiedet? Welche Rituale haben sich entwickelt? Wie werden gemeinsame Mahlzeiten gepflegt?€ Das ist ein Beispiel dafür, wie evangelische Schulen sich der Weiterführung früher Bildungserfahrungen verpflichtet fühlen – und das kann natürlich um so mehr und um so besser geschehen, je enger Kindertagesstätte und Schule zusammenarbeiten, ihre Erfahrungen austauschen und gemeinsam über ihre Erziehungs- und Bildungsziele nachdenken.

Vorstellungen und auch Vorurteile von der Kindertagesstätte als dem Ort, wo Kinder „bloß spielen und wenig lernen€ und von der Schule als dem Ort, an dem der „Ernst des Lebens€ beginnt und die Kinder schulischen Zwängen unterworfen werden, können leichter widerlegt werden, wenn beiden Bereiche eng zusammenarbeiten. Schule lernt vom Kindergarten, vom spielerischen Lernen in all seiner Ernsthaftigkeit, und Kindergarten lernt, wie Kinder in der Schule auch in systematisierteren Lernprozessen, in der gezielten Einführung in die Kulturtechniken, in der Gewöhnung an Pflichten und die dazu nötige Ausdauer ihre Freude am Lernen, ihr eigenständiges Lernen bewahren können.

Das gilt in entsprechender Weise für die Zusammenarbeit mit dem Hort: Die Weiterentwicklung der Schule vom „Lernraum€ zum „Lebensraum€, das Ineinander von Arbeits- und Entspannungsphasen, die Zuordnung Vormittags- und Nachmittagsgestaltung kann in der Zusammenarbeit mit dem Hort wichtige Impulse gewinnen. Im Zusammenwirken von beiden können sie viel besser zur „Heimat€ für Kinder werden, Orte, an denen sie sich wohlfühlen, wo sie sich gerne aufhalten.

Ein Ort, an dem Glaube wachsen kann

In einem evangelischen Bildungszentrum für Kinder ist von besonderer Bedeutung, wie hier Erfahrungen im christlichen Glauben durch die verschiedenen Altersphasen der Kinder hindurch konsequent weitergeführt werden können.

Hier kann beispielsweise gut darauf geachtet werden, dass die bekannten biblischen Geschichten in späteren Jahren nicht einfach nur wiederholt werden, sondern den Kindern mit neuen Fragestellungen begegnen. Es gilt die zunehmende Denkfähigkeit zu berücksichtigen, mit der Kindern auch komplexere Erzählverläufe zugemutet werden können. Kinder sind nun z.B. bereit, eine Geschichte auch aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten. Wichtig ist, dass die Erfahrungen dazu zwischen Erzieher/inne/n und Lehrer/inne/n ausgetauscht werden. So kann von allen mitverfolgt werden, wie sich der Umgang mit biblischen Traditionen weiterentwickelt, wie nun z.B. zunehmend historische Zusammenhänge Bedeutung gewinnen und die Kinder auch immer mehr ihre wichtigen kritischen Fragen stellen.

Hilfreich für Kinder ist, wenn Rituale, in denen ihnen Wichtiges am christlichen Glauben lieb und wert geworden ist, auch in der Schulzeit weitergeführt werden, von Liedern und Gebeten bis zu Geburtstagsritualen und der Gestaltung der Festzeiten, v.a. der Advents- und Osterzeit. Dabei können die Kinder dann selbst entscheiden, was sie unverändert beibehalten möchten und wo sie selbst Änderungen wünschen, wo sie gerne an frühere Erfahrungen anknüpfen und wo sie zeigen möchten, dass sie nun älter geworden sind.

In der Durchführung von Projekten, von der Gestaltung von Gottesdiensten bis zu Erkundun-gen in Kirche und Gemeinde können die Größeren mit den Kleineren zusammenarbeiten. Kinder können erleben, wie verschiedene Fähigkeiten sich zu einem Ganzen zusammenfügen und Vorhaben gelingen können. Beiträge und Aufgaben können altersspezifisch verschieden sein und sich doch zusammenfügen zu einem Gemeinsamen.

Oft ist noch viel zu wenig im Blick, wie eigenständig und kompetent schon kleine Kinder über Fragen des Glaubens nachdenken und zu eigenen Antworten kommen können. Auch hier kann der Austausch zwischen den pädagogischen Erwachsenen sehr bereichernd sein. In Ge-sprächen mit den Kleinen kann deutlich werden, wie Kinder über Gott und den Glauben, über die Welt und ihr eigenes Leben nachdenken, was sie beschäftigt, nach welchen Lösungen sie suchen. Tiefschürfend fragen sie, woher sie selbst kommen und wo die Toten sind, woher die Welt kommt und worin sich Himmel und Erde unterscheiden, warum es das Böse in der Welt gibt und Katastrophen passieren. Wichtig ist, dass genau diese Fragen auch in der Schule wieder aufgenommen werden, wenn nun Unterrichtsverläufe stärker geplant und strukturiert werden. Das Wissen um die frühen Fragen der Kinder kann den Lehrerinnen helfen, auch bei ihren Schulkindern auf solche Fragen zu achten, sie nicht zu überhören, und umgekehrt kann Erzieherinnen deutlicher werden, welche Erklärungsspuren und Denkwege weiterführend sind und nicht in Sackgassen und unlösbaren Widersprüchen enden müssen.

Lernen inmitten der Gemeinde

In Bernburg ist das neue Bildungszentrum rings um die Kirche gebaut, sind die Kirchenräume in dieses Zentrum mit einbezogen worden. Kirche, Kindertagesstätte und Schule sind eng aneinander gerückt. Welche Chancen ergeben sich mit dieser räumlichen Nähe? Wichtig ist zunächst, dass dabei primär von den Kindern her gedacht wurde und wird: Es soll nicht zuerst darum gehen, welchen Nutzen die Gemeinde von den Kindern hat, sondern inwiefern die Kinder durch ihre Nähe zur christlichen Gemeinde in ihrem Lern- und Bildungsgeschehen bereichert werden können. Und das wird dann sicherlich auch eine Bereicherung für die Gemeinde sein.

Kinder können den Kirchenraum als einen spirituellen Ort erfahren. Sie erleben, was diesen Raum von anderen unterscheidet, kommen zur Ruhe, zünden Kerzen an, nehmen die besondere Größe und damit verbundene Akustik des Raumes wahr. Sie werden durch viele Aufenthalte in ihm mit seiner besonderen Symbolik vertraut.

Kinder lernen Gemeinde kennen als Menschen, sie sich mit ihr verbunden fühlen, die die Kirche aufsuchen, sich auch zu ihnen in Krippe, Kindergarten, Hort und Schule einladen lassen, den Kindern von sich und von ihren Funktionen und Aufgaben in der christlichen Gemeinde erzählen. Kindern wird dabei deutlich, dass Kirche nicht nur Gebäude ist, sondern wesentlich durch die Menschen bestimmt ist, die hier zusammen kommen. Die kann man auch befragen, was sie mit der Gemeinde verbindet, was für sie Glaube ist, wie sie sich Gott vorstellen, welche Geschichten der Bibel sie besonders gerne haben, wie sie die christlichen Feste feiern und früher gefeiert haben, welche Kindergebete ihnen noch bekannt und vertraut sind usw. So kann die Erfahrung Raum gewinnen, dass es nicht nur die „Berufsmäßigen€ sind, die vom Glauben reden, sondern dass dies auch eine Sache der Laien ist, die das auch ohne besonderen theologischen und pädagogischen Vorkenntnisse können.

In ihrer Kindertagesstätte und Schule können die Verantwortlichen der Gemeinde wahrnehmen, woher die Kinder dieser Einrichtung kommen, wie es um deren Familien steht, wo diese Familien Hilfe und Unterstützung brauchen und was von Seiten der Kirchengemeinde dazu getan werden kann. Die diakonische Aufgabe gegenüber den Familien bleibt so im Bewusstsein: Wie kann ehrenamtliche Mitarbeit die Hauptamtlichen der Bildungseinrichtungen in den Aufgaben und Herausforderungen unterstützen, sei es von Kleiderbörsen bis zur Organisation von Kinderbetreuung, von Gesprächs- und Beratungsangeboten für Eltern bis zur Hausaufgabenbegleitung?

Weil der Weg zur Kirche durch Kindertagesstätte und Schule führt, können Gemeindeglieder auch wahrnehmen, was Kinder gestalten und auf Ausstellungsflächen zeigen. Deutlich kann so werden, was ihre je eigenen und kindgemäßen Zugänge zum christlichen Glauben sind, wie sie sich Gott vorstellen, was ihnen an biblischen Geschichten wichtig ist. In Zeichnungen, Bilder, Collagen, plastischen Gestaltungen zeigen sie, wie sie mit den Themen des Glaubens umgehen und sie zu ihren eigenen machen. Erwachsenen können so neue, ungewohnte Facetten des Glaubens im Spiegel der kindlichen Darstellung gewinnen, und umgekehrt tut Kindern auch das Echo der Erwachsenen auf ihre Werke gut, in denen sie sich einer weiteren Öffentlichkeit zeigen.

Öffentlich machen, wie Kirche gesellschaftliche Bildungsverantwortung mit trägt

Das Zusammenwirken von Kindertagesstätte, Schule und Gemeinde ist auch wichtig im Blick auf die Öffentlichkeitsarbeit. Mit ihrem Bildungsprojekt beteiligt sich die Gemeinde am öffentlichen Bildungsauftrag. Auch nach dem Willen des Gesetzgebers soll er nicht nur den staatlichen Einrichtungen vorbehalten bleiben, sondern auch durch die freien Träger eingelöst werden. Gerade angesichts der Aufgaben, Bildungsangebote für Kinder zu verbessern, ist das Mitwirken freier Träger mit ihrem je eigenen Profil unentbehrlich.

Auch die Evangelische Kirche hat sich deutlich mit eigenen Vorstellungen und Zielen für Bildungseinrichtungen zu Wort gemeldet. In den Äußerungen zu den Evangelischen Schulen heißt das z.B. so:

Jede Schule steht vor der Aufgabe, eine „gute€ Schule zu sein. Ob ihr dies gelingt, bemisst sich nicht allein an der Menge des erworbenen Wissens ihrer Schülerinnen und Schüler oder an den Leistungsnachweisen ihrer Abgänger. Zu einer „guten€ Schule gehören darüber hinaus auch die „Einübung in den aufrechten Gang“ (Ernst Bloch), die Prägung des individuellen Handelns durch einen verantwortlichen und dem Wohl der vielen verpflichteten Umgang mit dem erworbenen Wissen und den erworbenen Fähigkeiten. Gute Schulen unterstützen Kinder und Jugendliche in ihrer Entwicklung, sie helfen ihnen, die Welt zu verstehen und sich in ihr zurechtzufinden. Sie fördern die selbstbestimmte und sozial verantwortliche Gestaltung des eigenen Lebens.

In kirchlichen Bildungsprojekten wie hier in Bernburg wird sichtbar, wie dies nicht nur bei Absichtserklärungen bleiben muss, sondern evangelisches Profil als eine am biblisch-christlichen Menschenbild orientierte Pädagogik ganz konkret Gestalt gewinnen kann.

Vom Beitrag zur Wertebildung

Eltern ist in erster Linie wichtig, dass ihre Kinder in einer guten Schule gut aufgehoben sind, in der eine angenehme Atmosphäre angstfreies Lernen erleichtert, Kinder in ihren Gaben und Fähigkeiten gefördert werden und ihnen auch ein Bewusstsein für die zentralen Werte in unserer Gesellschaft vermittelt wird. In solch einem Bildungsprojekt wie hier in Bernburg kann ihnen deutlich werden, wie Bereitschaft der Kinder zur Übernahme von Verantwortung, eigene Beteiligung zum Gelingen des Miteinanders von Anfang an gefördert und herausgefordert wird, wie das Zusammenleben der Kinder aus verschiedenen Altersstufen, der ganz Kleinen mit den Kindergarten- und Grundschulkindern viele Möglichkeiten eröffnet, Verantwortung für andere wahrzunehmen. Das Erarbeiten von Regeln des Miteinanders und die Einsicht in deren Geltung können durch die Jahre hindurch zur guten Gewohnheit werden.

Deutlich wird dabei auch, dass Sinn für die tragenden Werte und religiöse Erziehung eng ineinander greifen – gerade nicht im Sinne einer Erziehung, die mit Druck und Angst vor Strafen arbeitet, sondern den Kindern viele Beispiele freiwilligen und eigenverantwortlichen Engagements vor Augen stellt und Möglichkeiten zur Beteiligung eröffnet. Das reicht von Hilfsprojekten, die von Gemeinde, Kindertagesstätte und Schule gemeinsam getragen sind, bis hin zu den vielen ermutigenden Geschichten der Bibel, die nicht bloß moralisierend zum Tun des Guten auffordern, sondern von Menschen erzählen, die gerne von dem Guten, das sie selbst empfangen haben, an andere weitergeben. Christlicher Glaube kann so den Kindern als eine Quelle begegnen, aus denen Menschen Gutes für sich selbst schöpfen und es auch anderen in Worten und Taten zukommen lassen. Das gilt für die Gleichnisse Jesu genauso wie für Geschichten des Alten Testaments, in denen Menschen auch nach Streit und Konflikten durch Gottes Hilfe einen neuen Anfang finden konnten. Und nicht zuletzt wird des den Kindern an den Menschen deutlich, die hier viel Zeit, Energie und Ideen in dieses große Projekt einbringen.

Das evangelische Martinszentrum in ist einzigartig. Kinder, Pädagoginnen und Pädagogen, Eltern und Gemeinde füllen die Räume mit ihrem Leben. Konzepte werden geschmiedet, um die gegebenen Möglichkeiten gut zu nutzen. Das sind für die Beteiligten Chancen und auch Belastungen. Wie wird das Miteinander gelingen? Welche Anstrengungen kommen auf die einzelnen zu? Wird es gelingen, auch aus unvermeidlichen Fehlern zu lernen? So bleibt allen Beteiligten letztlich der lange Atem zu wünschen, dran zu bleiben an den Chancen und Herausforderungen, und Freude am Gelingen, die immer wieder neu zum eigenen Engagement motiviert.

Situation auf dem Schulhof

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